Gegensätze im Iran

 

4 ganze Wochen lang führte mich meine Reise einmal durch den kompletten Iran von der armenischen Grenze im Norden bis zur Meeresgrenze im Süden. Dort nahm ich schließlich die Fähre nach Dubai und erreichte damit einen großen Meilenstein auf meiner Tour nach Nepal. Hiermit möchte ich euch nun über die Eindrücke und Begegnungen während meines Aufenthalts im Iran informieren und zudem einen Kommentar zur aktuellen politischen Situation abgeben. Was ich vorwegnehmen will, ist, dass ich mich zu keinem Zeitpunkt in Gefahr befand und immer sicher fühlte.

 

Von Armenien aus ging es am 30. August ins lang ersehnte Iran, einem Land, von dem ich wenig Vorstellung hatte, was auf mich zukommt. Immer wieder wurde während der Reise von der Gastfreundlichkeit der Bevölkerung erzählt. Was genau damit gemeint war, sollte ich nun endlich selbst erfahren. Der Grenzübertritt war im Vergleich zum Besorgen des Visums ein Klacks und dauerte insgesamt keine 30min. Was mir nach der Grenze blühte, waren erneut Höhenmeter ohne Ende und so ging es in den ersten 3 Tagen so weiter, wie es in Armenien aufgehört hatte. Ständig auf und ab über die letzten 3 hohen Berge hinweg bei immer wärmer werdenden Temperaturen bis in die Stadt Tabriz. Dann war es geschafft und die bergige Landschaft wich langsam einer wüstenähnlicheren Umgebung. Temperaturen jenseits der 30°C waren mittlerweile Standard geworden und fühlten sich mittlerweile sogar relativ erträglich an. Einziger Knackpunkt dabei war nur das ständige Tragen müssen einer langen Hose auch während des Radfahrens.

 

Kurz vor dem Erreichen der Hauptstadt Teherans stoppte mich die erste gravierendere Panne, eine gebrochene Felge zwang mich dazu die übrigen 300km auf alternative Verkehrsmittel auszuweichen. In meiner Situation galt aber „Glück im Unglück“, denn die nächste Bahnstation war keine 15min mit dem Taxi entfernt und auch Teheran war wahrscheinlich fast der einzige Ort in der Umgebung, wo es möglich war meinen Defekt fachgerecht beheben zu lassen. Ich nahm mir auch einige Tage Zeit nach meiner bislang längsten Etappe ohne Pause (14Tage) durchzuschnaufen und mich von den Strapazen der letzten zwei Wochen erholen. Denn während dieser Zeit bewältigte ich 1500km (davon eben 300km mit dem Zug) und 13500 Höhenmeter. Rückblickend eine unfassbar schöne Route von der ich es nicht misse jeden Höhenmeter selbst gefahren zu sein.

 

Einige meiner Highlights:

 

Von nun an will ich auf die angesprochenen Gegensätze im Land eingehen und auch die kulturelle Vielseitigkeit ansprechen, von der ich zugegebenermaßen mehr als überrascht war. Zum Ende dieses Blogs werde ich wie angekündigt noch die aktuelle Situation ansprechen.

 

Die Landschaft:

 

Entgegen meiner Erwartungshaltung wurde ich mehr als überrascht von der Vielseitigkeit der Landschaft. Ich dachte ich müsste tagelang durch Wüstenabschnitte fahren, welche sich von Nord nach Süd kaum verändern. Zum Glück wurde ich eines Besseren belehrt und hatte somit keine Schwierigkeiten mich jeden Tag aufs Neue zu motivieren durch die Einöde zu fahren. Wie bereits angesprochen ist der im Norden an Armenien und Aserbaidschan grenzende Teil von Gebirgen geprägt. Diese Gebirgskette zieht sich weiter bis in den Norden Teherans, wo auch der höchste Berg Irans Mt. Damavand mit 5671m liegt. Leider fehlte mir die Zeit und zum Teil auch die finanziellen Mittel, um ihn besteigen zu können, aber was nicht ist kann ja noch werden, denn Nepal ist ja bekanntermaßen nicht das schlechteste Ziel für Wanderungen dieser Art.

Ab Teheran verschwanden allmählich Berge und wurden zu ausgedehnten Hügeln bis hin zur Gesteinswüste. Auch fuhr ich an etlichen ausgetrockneten Seen vorbei, welche in der Dürreperiode zu Salzseen wurden. Durch das Ausbleiben des Regens für Monate konnte man abschnittsweise auch das Aufreißen des Bodens sehen und ich konnte nur erahnen, wie lebensfeindlich es hier ist zu leben, denn dies war eine der Passagen an denen keine Menschenseele anzutreffen war. 

Je weiter mich meine Tour in den Süden führte umso bergiger wurde es wieder. Es blieb zwar trocken, steinig und unbewachsen, aber die Fahrt inmitten der Schluchten und Klippen war Abwechslung genug und gab mir wieder die Bestätigung, dass es sich doch gelohnt hatte auch die südlichste Etappe selbst zu fahren. Viele andere Bikepacker mieden nämlich die unvorstellbare Hitze und fuhren mit dem Bus oder per Anhalter zur Hafenstadt Bandar Abbas. Auch ich zweifelte an meiner Entscheidung einige Male, denn an Schlaf im Zelt war nicht mehr zu denken. Die Luft war feucht und die Temperatur in den Nächten fiel nicht mehr unter 30°C. Einziger Ausweg war da nur noch eine Unterkunft mit Klimaanlage zu finden, was sich in den abgelegeneren Abschnitten mehr als schwierig gestaltete. Am Ende fand ich aber immer eine Lösung, war aber froh als ich mich am 26.10 wohlauf an Board der Fähre Richtung Dubai befand.

 

Die Kulturelle Vielfalt:

 

Wieder ein Punkt, der mich Überraschte. Zwar war mir klar, dass es einige historische Städte und Sehenswürdigkeiten gibt, doch in dieser Fülle war es schon beeindruckend. Ich möchte gar nicht so viel dazu erzählen, sondern die Bilder für sich sprechen lassen. Angefangen hat mein kulturelles Abendteuer in Kashan:

Zu sehen sind hierbei das Sultan Amir Ahmad Bathhouse  (16. Jhd.), Agha Bozorg Moschee (18.Jhd.) und die antike Markthalle des Bazaar Kashan.

 

Von Kashan waren es nur noch 1,5 Fahrtage bis Isfahan. Für diejenigen unter euch, welche sich ein wenig im Iran auskennen ist es wahrscheinlich neben Teheran die bekannteste Stadt.

Auf meinen Aufnahmen seht ihr die Abasi Great Mosque, Sheikh Lotfollah Moschee, Jame´a Moschee von Isfahan und die Vank Kathedrale. Nahezu alles dreht sich in dieser Stadt um den riesigen Platz im Zentrum, welcher von den eben genannten Moscheen umgeben ist. Auffällig ist, dass sich der Baustil und die Architektur der Moscheen kaum voneinander unterscheiden lassen.

 

Nach zwei vollen Tagen Aufenthalt in Isfahan ging es für mich durch die Wüste bis in die Wüstenstadt Yazd. Hier verweilte ich jedoch nur eine Nacht und hatte somit nur die Möglichkeit die Stadt oberflächlich zu erkunden. Allerdings lässt sich sagen, dass sie vom Stadtbild sehr Kashan ähnelt, einen Abstecher ist sie aber trotzdem wert gewesen.

Ein Bild aus den Gassen der Altstadt, des Glockenturms und des Amir Chakhmaq Komplex sind hier gezeigt.

 

Wie angesprochen ging es am nächsten Morgen bereits weiter in Richtung Shiraz, der letzten großen Stadt auf meinem Weg durch den Iran. 

Absolutes Highlight war der Shah-e-Cheragh Shrine und den mit seinen tausenden Spiegeln verzierten Wänden. Erneut besuchte ich auch hier ein Badehaus, das Vakil Bath, und als Abschluss vor meiner Weiterfahrt sah ich mir noch die wahrscheinlich bekannteste Moschee Irans an, die Nasir al-Mulk Mosque, an.

 

Strikte Regeln gegen offene Denkweisen:

 

Zum Abschluss meines Blogs möchte ich nun auf das Thema Gastfreundlichkeit, die aktuelle Situation im Iran und die Denkweisen junger Leute eingehen. Dazu habe ich meine bisherigen Kontakte genutzt und gefragt, wie sie die derzeitige Lage beschreiben würden. Darunter sind nicht nur andere Reisende/Freunde gewesen, sondern auch Locals, die selbst davon betroffen sind.  

 

Was bedeutet hier Gastfreundlichkeit?

 

Zu diesem Punkt möchte ich mit einigen Einstiegsfragen auf das, was mich erwartet hat eingehen. Ist es gastfreundlich,

 

·       dass man ständig und überall angesprochen wird?

·       dass man „Welcome to Iran“ zugerufen bekommt?

·       dass man sehr oft nach Fotos gefragt oder sogar angehalten wird?

 

Auf den ersten Blick erscheint dies und war es auch für mich neu und fühlte sich so an als würde man mich an jeder Ecke willkommen heißen. Doch nach knapp 4 Wochen hat sich meine Meinung hierzu etwas gewandelt. Warum und wieso versuche ich nun in einigen Worten verständlich zu machen. Anfangen will ich damit, dass die meisten Leute mich zwar auf Englisch ansprachen, jedoch sich in 99% der Fälle herausstellte, dass sie gar kein Englisch konnten. Sprich die Floskeln „Where are you from?“, „How are you?” usw. wurden irgendwann auswendig gelernt, ließen jedoch im Anschluss keine Kommunikation zu. Stattdessen redeten sie daraufhin in ihrer Sprache auf mich ein und ließen in den wenigsten Fällen locker, bis man ihnen irgendeine Antwort auf etwas gab, das man überhaupt nicht verstanden hatte. Dieser Punkt wurde mit der Zeit sehr anstrengend. Hervorheben möchte ich jedoch vor allem die junge Generation, die zumeist englisch sprach und durchwegs hilfsbereit war. Egal ob beim Trampen, bei der Essenssuche oder dem Finden einer Unterkunft. Von zwei Erlebnisse möchte ich dabei im Speziellen berichten.

 

Als ich mit meinem Kompagnon in Tabriz ankam und wir auf der Suche nach einem Restaurant waren, half uns ein junger Iraner in meinem Alter und zeigte uns einen Imbiss. Er saß sich sogar zu uns und beantwortete uns alle Fragen, die wir bis dato über den Iran hatten. Schnell zeigte sich seine Einstellung gegenüber der Regierung und wie gefangen er oft in Sachen Meinungsfreiheit und Kleidungsstil war. Nach dem Essen lud er uns selbstlos auf Kaffee und Kuchen zu sich in sein Elternhaus ein. Dort wurden wir herzlichst empfangen und versorgt. Uns wurde sogar eine Dusche angeboten, die wir nach den letzten Tagen gut gebrauchen konnten. Auch sonst war das Leben hinter verschlossenen Türen viel offener als auf der Straße.

 

Die zweite Begegnung, die mir sehr in Erinnerung geblieben ist, ist als ich von Yazd nach Shiraz trampen musste. Dort wurde ich nach nicht einmal 2min warten von zwei jungen Iranerinnen mitgenommen. Schnell wurde klar, dass ich nur die Hälfte der Strecke mitfahren konnten, da ihr eigentliches Ziel nicht in Shiraz lag. Immer wieder versuchten sie an Tankstellen herumzufragen, ob denn jemand auch in meine Richtung fährt. Da dies nicht der Fall war und sie sich sorgten, dass ich es wohl nicht mehr schaffen würde die Stadt bis zum Abend zu erreichen, änderten sie ihre Pläne und fuhren mich bis vor die Türe des Hostels. Für sie war das ein mehr als 200km Abstecher/Umweg, doch so sehr ich ihnen auch versuchte klarzumachen, dass ich schon irgendwie ankommen würde, kam das für sie auf keinen Fall in Frage. Am Ende blieben auch sie in Shiraz über Nacht.

 

Leider sind solche Arten von Erlebnissen nun kaum mehr möglich, denn die Polizei versucht so gut es geht den Kontakt von Touristen zu der heimischen Bevölkerung abzukapseln. Beispielsweise wurden Backpacker, welche bei Locals aufgenommen wurden, mitten in der Nacht aus der Wohnung verwiesen und durften nicht länger bleiben. Auch sind Gespräche sehr schwer möglich, da bei einem Kontakt und Austausch in der Öffentlichkeit erstens nicht offen geredet werden kann und darf und zweitens die Gefahr besteht in eine Polizeikontrolle zu geraten. Doch selbst wenn man als Tourist nur durch die Stadt läuft oder ein Foto macht kann dies schon gewaltige Konsequenzen mit sich tragen. Touristen werden dieser Tage zum Teil ohne Grund verhört, durchsucht und im schlimmsten Fall sogar eingesperrt. Auch ein falscher Post oder Ähnliches kann zu Arrest führen. Dies alles sind Gründe warum sich viele Bikepacker und Backpacker sehr unwohl fühlen und das Land verlassen. Gefahr für die Regierung stellen die Touristen jedoch nur dar, weil sie das Umgehen mit der Bevölkerung während den Protesten aus erster Hand medial verbreiten können. Die Bedenken der Regierung sind in diesem Punkt nicht unberechtigt, denn all diese Informationen stammen aus Geschichten von Touristen, welche bereits das Land verlassen haben und sich nun auf ihren jeweiligen Kanälen oder eben privat davon berichten. Eine weitere Aussage, welche ich in den letzten Tagen bekommen habe, war von einem Iraner, der sogar von einer Revolution spricht und hofft, dass sich die junge Generation dabei durchsetzt und für Freiheit in seinem Land sorgt. Auch das Abschalten und Kontrollieren des Internets durch den Staat, sowie das harte Durchgreifen der Polizei führten bisher nicht zu einem Abklingen der Proteste. Im Gegenteil sind die Proteste stärker geworden und so groß wie seit Jahren nicht mehr. Wir können von Glück behaupten nicht direkt davon zu betroffen sein und ein Leben in Freiheit genießen zu können. In dem Sinne wünsche ich mir, dass nun auch diese Menschen endlich bekommen und erreichen was ihnen zusteht, nämlich Freiheit.